Texte zu meinen Arbeiten

Lichtfelder

Lichtfelder Siegel Ketros

Dr. Martina Kitzing-Bretz, 2021 (gekürzt)

Mit der Malerei des 20. Jahrhunderts kam die Kunst der Gegenwart näher: Licht und Schatten wurden jetzt zur Farbe. Dabei erfuhr das Licht einen entscheidenden Bedeutungswandel: Die Farbe war nun nicht mehr eine Funktion des Lichts wie zuvor von der mittelalterlichen bis zur impressionistischen Malerei, sondern das Licht war zu einer Funktion der Farbe geworden.

Unter dieser Voraussetzung der kunstgeschichtlichen Entwicklung von Licht und Farbe setzt die Kunst von Rea Siegel Ketros ein. Es ist eine Kunst der Malerei, die sie „Lichtfelder“ nennt. Seit fünf Jahren entstehen Bilder, die sich diesem Titel zuordnen lassen. Er umfasst abstrakte Kompositionen aus Farbfeldern, gemalt mit Acryl- und Tageslichtfarben.

In ihrer Ausstellung „Lichtfelder“ in der Galerie K55 des Künstlerbundes Heilbronn fokussiert die Malerin das Publikum auf die neue Werkreihe der ungegenständlichen Farbfeldbilder. – Keine Menschenbilder, Collagen, Hinter-Licht-Bilder, Stahlobjekte, Schwarzarbeiten, Buchkunst oder Wortklangbilder, wie sie ihr Schaffen über Jahrzehnte prägten, sind ausgestellt. Von den Wänden der Galerie K55 im Künstlerbund Heilbronn blicken die Bilder als beredte Zeugen der künstlerischen Entwicklung von Rea Siegel Ketros auf den Besucher. Die ausgestellte Malerei bezeugt die Worte der Künstlerin, mit denen sie den Wandel in ihrer Kunst beschreibt: „Ich habe mich 16 Jahre mit „Wortklangbildern“ beschäftigt, bei denen ich Texte durch die Farbkomposition neu interpretiert habe. Aber dann hat sich auch dieses Gebiet plötzlich verwandelt: Ich legte den Fokus auf die reine Wirkung der Farbe. Die inhaltliche Intention, die bei meinen Wortklangbildern vorherrschte, verschob sich auf die Konzentration auf das Licht aus der Farbe selbst.“
Die Intensität von Farbe, die durch die formale Reduktion, durch die Beschränkung auf monochrome Farbfelder und die Betonung des Flächigen umso deutlicher wahrgenommen werden kann, verbindet die einzelnen Arbeiten der Werkreihe miteinander. Rea Siegel Ketros trägt die Farbe gelegentlich mit einem dicken Schwamm auf, um ein gleichmäßiges Feld zu gewinnen, dessen Ausdruck ganz und gar auf der Farbe liegt. Zur Farbintensität der Bilder und ihrer Strahlkraft tragen fluoreszierende, pigmentierte Tageslicht- oder Day-Glo-Farben bei, die sie zur Hälfte mit Acrylfarben mischt.

Damit wandelt Rea Siegel Ketros die Farbfeldmalerei des US-amerikanischen Abstrakten Expressionismus ab. Farbfeld-Maler (Colour-Field-Painter) wie Barnett Newman oder Mark Rothko setzten ab 1951 in ihren gegenstandslosen Darstellungen von reinen Farbflächen auf die konkrete Wirkung von Farbe und Form ohne raumillusionistische Wirkung.

Mit der seriellen Anordnung stelenartiger Hochformate und dem Wechsel zwischen starken und schwachen Farbkontrasten steigert Rea Siegel Ketros die Intensität der Farben. Die Wechselwirkung von unmittelbar benachbarten Farben, die sich gegenseitig steigern, kommt in ihren Streifenbildern zur Darstellung und verleiht den Bildern Dynamik. Durch die Zusammensetzung kleinformatiger Bilder, die mit ihren farblich abgeschnittenen Ecken wellenförmige Muster bilden können, erzeugt die Künstlerin den Ausdruck von Bewegtheit. Die Variabilität dieser beliebig zusammensetzbaren und immer wieder neue Muster bildenden Leinwände fasziniert die Künstlerin.

Sie betitelt ihre Bilder mit dem Datum der Fertigstgellung: Monat, Jahr und Bildnummer. Manchmal sind auch Farbangaben dabei, um die Bilder leichter zu identifizieren. „Warmgelb,hellgrau „Dunkelpink,orange“ „Zitrone,karmin“ „Rotschwarz,hellrot“ – Sie selbst sagt dazu: „Ich könnte alle diese Bilder mit „Dieser Augenblick“ benennen, – im Tun des Malens, im „Eintauchen“ in die Farbe, als auch in der Absicht, nichts weiter als diese eine Farbe zu wollen, – immer bin ich nur dieser Augenblick.“

Ihre Farbpalette ist auf wenige Haupttöne beschränkt, aber nuanciert: Gelb, Orange, Rot, Pink, Grün und Blau kehren in ihren Bildern immer wieder. Bereits als Kind, so erzählt sie, habe sie lange Zeit nur mit Karminrot und Zitronengelb gemalt, – also Farbtöne, die auch heute in ihrer Malerei wieder auftauchen. –
Ob Gelborange oder Rotviolett, die Farben ihrer Malerei bleiben mit ihrer vibrierenden Leuchtkraft im Auge des Betrachters lange haften.

 

Wortklangbilder

Rede von Dr. Martina Kitzing-Bretz (gekürzt) 2007
Wie der Dichter Hölderlin in seinen Werken einen ganz eigenen Ton anschlug und eine Art Seelenmusik schrieb, lesen und betrachten sich die Bilder wie beseelte klangliche Kompositionen, in denen die einzelnen Buchstaben wie Töne gesetzt sind, deren Klang von Farbe, Form und ihrer Platzierung im Gesamtbild bestimmt werden. Die Wortbilder von Rea Siegel Ketros wollen gelesen werden. Sie verharren nicht in ihrer Wirkung als Bilder, sondern laden den Betrachter zum Entschlüsseln, zum Lesen der Worte ein. Doch erst nach längerem Einsehen ist es möglich, einzelne Worte oder sogar ganze Sätze zu entziffern. Rea Siegel Ketros schafft die Wort – Bilder auf der Grundlage der Worte von Hölderlin, der Psalmen, von Ryokan oder Kabir seit einigen Jahren, und sie reiht sie tagebuchartig aneinander. Der Tagebuchcharakter unterstreicht den Sinn ihres künstlerischen Tuns. Auch der Japaner On Kawara oder der südwestdeutsche Künstler Horst Antes fixieren mit seriellen Datumsbildern ihre Existenz und verfolgen damit eine klare, gedankliche Konzeption. Eine erweiterte Wahrnehmung ist es, die es Rea Siegel gestattet, die Tiefendimension eines Wortes niederzuschreiben oder – zu malen und die klanglichen Möglichkeiten der Worte auszuloten. Diese zusätzliche Dimension in der Wahrnehmung verdankt sie ihrem Lehrer Prof. Stephan von Huene, der mit seinen Klangskulpturen bekannt wurde. In den Skulpturen verband der Künstler und Philosoph visuelle und akustische, plastische und mechanische Elemente zu intermedialen Kunstwerken, die auf der Ebene einer vielfältigen Wahrnehmung agieren. Auch die Arbeiten von Rea Siegel Ketros richten sich innerhalb verschiedener Wahrnehmungsfelder an den Betrachter, indem sie visuelle und poetische Elemente miteinander verbinden. Es handelt sich um Poesie zum Ansehen, die einen speziellen Betrachtungsvorgang erfordern.

Schwarzarbeiten

Carmen Bosch-Schairer, M.A. 2002 (gekürzt)
Auch ein Schattenriss entsteht erst durch Licht. Man beleuchtet das Motiv mit einer Lichtquelle und zeichnet dessen Umriss als Schatten auf ein helles Medium. Was darauf sichtbar ist, ist nicht das Abbild des Motivs, nur sein Schatten. Er ist Stellvertreter einer nicht sichtbaren, aber doch existenten Welt, wie in Platons Höhlengleichnis die Schatten an der Wand Ersatz für das farbige Leben außerhalb der Höhle sind. In einem Fall ist Schwarz der Gegenpol von Licht, im anderen Fall eine Projektion, deren Quelle selbst nicht sichtbar ist. Der Betrachter spürt die Energie der Nicht-Farbe Schwarz, die sie aus der Absorption des Farbenspektrums bezieht. Wie magische Zeichen stehen die einfachen, zentrierten, oft symmetrischen Formen da. Ihre Schlichtheit indes ist vordergründig. – Trotz ihrer Statik sind sie von Spannung erfüllt, halten sich in einer vibrierenden Balance. Im undefinierbaren weißen Bildraum scheinen sie zu fliegen, zu schweben oder zu gleiten. Flügel, Segel und Propeller verstärken den Eindruck. Die Bildtitel beschreiben, was aus dem Bild entgegenkommt: Den Aufwind erwarten – Eins loslassen – Schweben lassen – Nicht mehr aufspringen – Zuletzt nehme ich einfach den Schlitten – Endgültig gehen. Bilder vom Fliegen sind Reisebilder; jemand bricht aus seiner gewohnten Umgebung auf um wegzugehen; er ist unterwegs; ob er jemals ankommt, bleibt offen…

Hinter-Licht-Bilder

Carmen Bosch-Schairer, M.A. 2002 (gekürzt)
Seit etwa 1993 entwickelte Rea Siegel Ketros eine Bildgattung, die sie Hinter-Licht-Bilder nennt, halbtransparente Acrylmalerei, die – wie der Name suggeriert – ihre Wirkung nicht nur aus dem Raumlicht, sondern auch aus der Beleuchtung von der Rückseite bezieht, sei es durch das Tageslicht eines Fensters oder durch eigens installiertes Neonlicht. Seit 2000 entstehen die Hinter-Licht-Bilder als Weiß-Arbeiten. Rea Siegel Ketros Malerei handelt immer vom Menschen; das sprechen auch die Titel deutlich aus, ob sie „Kleine Schwestern“ heißen, „Der Ältere“, „Doppeltes Herz“ oder auch „Langsam weitergehen“, „Auf Schatten horchen“. Mit ihren Hinter-Licht-Bildern ist es Rea Siegel Ketros gelungen, eine Form der Malerei zu entwickeln, die um den Aspekt des immateriellen Lichts erweitert ist, ohne die ihr eigenen Ausdrucksmöglichkeiten als Farbmaterie aufzugeben. Die Weiß-Arbeiten gehen darüber hinaus. Ihre ausgesparte Linienzeichnung wird erst im Durchlicht sichtbar, ähnlich wie im Tiefdruckverfahren die Linien erst durch Druckfarbe sichtbar werden. So gelingt es der Künstlerin, den Effekt von mal- und drucktechnischen Prinzipien zu kombinieren, mit Farbe und Licht zu malen. Damit hält sie eine einzigartige Position in der Kunstszene besetzt.

Stuhlobjekte

Carmen Bosch-Schairer, M.A. 2002 (gekürzt)
Die Stuhlobjekte entstanden zwischen 1998 und 2000 als eigenständige Werkgruppe innerhalb des plastischen Schaffens. Es sind Unikate aus Stahlrahmen, mit Leinwand bespannt und mit Acrylfarbe bemalt. Bei einer kleinen Gruppe weißer Stuhlobjekte ersetzt die Lineatur dünner, ornamental gebogener Eisenstäbe die farbige Gestaltung. Die Höhe der Stuhlobjekte variiert zwischen 70 cm und 250 cm. Der Stuhl bietet sich wie kein zweites Möbel an, die menschliche Gestalt zu konnotieren.Weil er nicht identisch ist, gewährt er genügend Distanz zur Reflexion. Diese Qualitäten kommen der Plastikerin entgegen, die sich ihrem großen Thema, dem Menschen, seinem Selbstverständnis und seiner Stellung in der Welt nie direkt, sondern stets vermittelt nähert, über Analogien, Zeichen und Symbolformen. Die Bemalung von Vorder- und Rückseite unterscheidet sich in Form und Farbigkeit, wie die zwei Seiten einer Medaille, – am krassesten bei den Stuhlobjekten „Prinz im Schoß“ und „Sein Bruder“. Ihre Rückseiten sind als Gerippe bzw. als groteskes Mischwesen aus Vogel und Pflanze ausgebildet, ähnlich wie bei mittelalterlichen Memento-Mori-Figuren. Im Arbeitsprozess der Künstlerin wechseln sich intuitiv – meditative Phasen mit distanzierter Reflexion und Interpretation ab. Die wuchernde Fülle wird immer wieder eingegrenzt, überformt. Der Gegensatz von Identifikation und Distanz schärft nicht zuletzt Rea Siegel Ketros Blick für das Komische, das aus den Unzulänglichkeiten des Lebens entsteht und das ihre so originellen wie innovativen Stuhlobjekte mit leiser Ironie kommentieren.