Texte zu meinen Arbeiten
Text zum Oevre
Dr. Beate Susanne Wehr
Die Poesie des Lichts
Zum Œuvre der Malerin Rea Siegel Ketros
Rea Siegel Ketros‘ künstlerische Ausbildung beginnt mit dem Studium für Kunst und Werken bei Professor E. B. Wohlgemut in Stuttgart. Auf den Abschluss folgten mehrere Jahre im Schuldienst mit Kunstuntericht an Haupt-, Real- und Sonderschule und im Anschluss ein einjähriger Aufenthalt im Atelier MABU des Schweizer Künstlers Max Bucherer in Ronco im Tessin. Max Bucherer war ein enger Freund Hermann Hesses und damals hochbetagt.
Dann entstand eine längere Familienpause mit vier Kindern und der gemeinsamen Existenzgründung mit ihrem Mann, Dr. Reinhard Siegel, der als Kinderarzt eine eigene Praxis in Lauffen eröffnete.
Ab den frühen 1980er Jahren verfolgt Rea Siegel Ketros ihren Weg als Malerin konsequent weiter. Begleitend zu ihrer künstlerischen Arbeit nahm sie über vier Jahre jeden Sommer an den Studienseminaren des Klang- und Medienkünstlers Professor Stephan von Huene teil, der von 1983-1987 an der internationalen Sommerakademie in Salzburg und in Hamburg unterrichtete. Die Haltung des Professors und sein weites künstlerisches Verständnis von Sprache, Klang, Farbe, Bewegung und Licht machte er durch ausgeklügelte Technik in vieldimensionalen Objekten sichtbar. Das beeindruckte die Künstlerin und gab ihr Denkanstöße für die Entwicklung ihrer eigenen Werke.
Bei diesen Aufenthalten in Salzburg begegnete sie auch dem Künstler Roman Opałka mit seinen Archiven der Zeit, Heinz Mack und Friedrich Hundertwasser. Sie war fasziniert von den gegensätzlichen Ausdrucksformen in deren Werken. Ein paar Jahre nach der Salzburger Zeit gab es einen weiteren Einfluss, der sich später in ihrer Kunst zeigen sollte. An der Freien Kunstschule Stuttgart belegte sie von 1991–1993 im Vollzeitstudium die Fächer Bildhauerei, Hochdruck und noch einmal Malerei. 1993 gründet sie die private Kunstschule in Lauffen am Neckar mit der KINDER-Werkstatt und der KUNST-Werkstatt für Erwachsene. Bis 2013 leitete sie diese Institution. Ihre Unterrichtstätigkeit führte sie bis 2020 fort.
Beginnend mit dem Rückblick auf Rea Siegel Ketros Œuvre entstanden in den frühen 1980er Jahren die ersten Menschbilder. Hier stellt sie den Menschen mit seinen Emotionen und Stimmungen in den Fokus ihrer Malerei. Mit zarten Farben nähert sie sich dem Thema des menschlichen Seins an und beleuchtet aus verschiedenen Blickwinkeln und Positionen seine Verletzlichkeit und seine Gefühle.
Formal gliedert sie den Bildraum in nuancierte helle und dunkle Flächen, die sich zur Figur zusammenfügen und verweist damit mit ihren malerischen Mitteln auf das Verhältnis von inneren und äußeren Prozessen des Menschen. Aus diesem inhaltlichen Anliegen entwickelt sie ihre Malweise weiter. Diese wird formal abstrakter und reduzierter, jedoch auch spielerischer und farbiger. Vereinfachte figurative Darstellungen ergänzen den Formenkanon. Ihre Malerei erinnert in dieser Zeit an die Werke der Art Brut und ihrer Künstler, einer Kunstgattung die von dem französischen Künstler Jean Dubuffet geprägt wurde. „Es sind aus dem emotionalen geborene Kunstwerke, die für jeden einzelnen Künstler einzigartig sind“. Die Titel von Rea Siegel Ketros Werken aus dieser Zeit sind hintergründig (Bru hängt, 1992) und hinweisgebend auf Geschichten hinter den Bildern.
Auch die Stuhlobjekte, die Mitte bis Ende der 90er Jahre aus Stahl eigenhändig geschweißt, mit Gewebe bespannt und mit Acrylfarbe bemalt wurden, verweisen durch ihre formale Ausführungen auf das menschliche Sein. Es sind Unikate, Einzelstücke, die nicht zum Gebrauch gedacht sind. Vielmehr stehen sie metaphorisch für die menschliche Existenz. Hier durchdringt das Thema von Verborgenem und zu Sehendem die Objekte. Licht fällt auf die Vorderseite, zeigt die Bemalung und die Präsenz des Stuhlobjektes. Beim Herumgehen entdeckt man die Kehrseite. Bei „Prinz im Schoß“ (1999) und „Sein Bruder“ (1999) ist diese mit Gerippe und Hybriden aus Vogel und Pflanze bemalt.
Bedenkt man, dass der Vorfahre des Stuhls wie wir ihn heute kennen – vier Beine und eine Lehne – lange nur Herrschenden wie Pharaonen, Kaisern oder Könige als Thron vorbehalten war und später mit dem Bürgertum im Spätmittelalter Wohlstand und Macht ausdrückt, bekommen die Stühle von Rea Siegel Ketros eine weitere Deutungsebene. „Die Herrschaft des Menschen«“ der sich über alle Lebewesen und Naturverbindungen hinwegsetzt. Unter Bezug auf diesen Aspekt erarbeitet die Künstlerin in den Folgejahren verschiedene Stahlobjekte.
Die farbigen Stahlobjekte „Glückssteine“ genannt, sind zwei Bodenobjekte (2003) von fünf in verschiedenen Größen. Die Außenseiten der Hohlformen sind mit Papierdruck gestaltet. Die Innenseiten sind mit unterschiedlichen Texten vollflächig beschrieben. Rea Siegel Ketros sagt dazu: „Der Wechsel von Positivform zu Negativform hat mich immer beschäftigt, das Innen und Außen, das Sichtbare und Unsichtbare“. Inhaltlich setzen diese Objekte sich kritisch mit der Zukunft unserer Kinder auf dem Planeten Erde auseinander. „Wozu den Mars erobern, wenn uns gerade die Erde flöten geht.“ (Innentext Stahlform).
Mit ihren Hinter-Licht-Bildern wendet sich die Künstlerin zwischen 1993 und 2001 verstärkt der Metaphorik von Hell und Dunkel zu. Diese auf semitransparente nasse Baumwollnessel gemalten Werke leben von der Verbindung mit Licht. Licht gibt ihnen Strahlkraft, erweckt sie zum Leben und verleiht ihnen Präsenz. Hier legt das Licht alles offen, beleuchtet den kleinsten Winkel des Malgrundes, zeigt jeden Farbstrich. Rea Siegel Ketros erklärt dazu: „Das Besondere an dieser Arbeitsweise ist es, dass die stark bemalten, verdichteten Flächen beim Durchleuchten von hinten sehr dunkel, beinahe schwarz, fast lichtundurchlässig sind. Wird die Lichtquelle weggenommen, so geht der Tiefenraum des Bildes verloren. Das Bild wirkt sehr flach und erscheint in einer anderen Farbigkeit.“
Hier spielt Licht, egal ob natürlich oder durch künstlich hinzugefügte Lichtquelle als elementares Medium, eine maßgebliche Rolle. Ihre Werke können, auch wenn das von ihr gewählte Trägermaterial Baumwollnessel ist, in der Tradition der Glasmalerei gesehen werden. Beide, Malerei auf Glas und die Hinter-Licht Bilder auf Nessel, können ihre ganze Kraft erst in der Verbindung mit Licht entfalten. Licht belebt die Werke und gibt ihnen einen besonderen Stellenwert. Das erhellende Licht übt eine besondere Faszination aus und verleiht ihnen eine besondere Präsenz und mystische Energie.
Rea Siegel Ketros Hinter-Licht-Bilder reihen sich in eine lange Tradition des künstlerischen Umgangs mit Licht ein, denn vor der Erfindung des elektrischen Lichts war die Welt ein schattenhafter Ort. Die Ateliers wurden von flackerndem Kerzenschein erhellt. Während der frühen und späten Renaissance und in der frühchristlichen Kunst wurde natürliches Licht nur selten dargestellt. Es hatte eher einen symbolischen Charakter, denn bei dem gemalten Licht handelte es sich stets um das Licht von Gott, das entweder aus den Seelen der Heiligen und Götter strahlte oder als Heiliges Feuer brannte. In der Romantik malte Joseph Mallord William Turner Himmelslandschaften und Seestücke fast ausschließlich aus Licht und Luft. Diese sorgten durch ihre atemberaubende Leere und erstaunliche Schönheit für Aufmerksamkeit. In der Industrialisierung wiederum fingen die Impressionisten das Licht als einen flüchtigen Moment ein. Die zeitgenössische Lichtkunst hingegen verwendet das Licht als künstlerisches, künstliches Medium und füllt in Ausstellungen weite Räume wie etwa Ólafur Elíassons Installation „The weather project“ (2003) in der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern. Dazu baute er eine gigantische künstliche Sonne aus Monofrequenzlampen, ließ Nebel aufsteigen und vergrößerte den ohnehin schon riesigen Raum optisch mit Spiegeln. Rea Siegel Ketros schreibt zum Ende ihrer Hinter-Licht-Bilder: „Nachdem ich neun Jahre an den „Hinter-Licht-Bildern“ gearbeitet hatte, knipste ich das Licht unvermittelt aus.“
Bis zu diesem künstlerischen Entwicklungspunkt praktizierte die Künstlerin bereits seit 1994 die japanische Schule des Zen, einen achtsamen und meditativen Weg der Selbsterkenntnis. Die Haltung und persönliche Erfahrung der Künstlerin durch Zen wird im neuen Werkzyklus den »Schwarzarbeiten« sichtbar. Rea Siegel Ketros überarbeitet und transformiert so ihre Hinter-Licht-Bilder durch Übermalung und Farbreduktion. Viele dieser früheren Werke überzieht sie mit schwarzer Farbe und entzieht ihnen so das Licht, das sie zum Leuchten bringt. Die Faszination und die Einflüsse des Zen und der japanischen Kultur hat eine lange Tradition in der Kunstgeschichte. Verstärkt am Ende des 19. Jahrhunderts prägte der Japonismus unter formalem Aspekt nicht nur die französische Kunst der Symbolisten und der Impressionisten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckte Wassily Kandinsky das Intuitive der japanischen Kunst und verarbeitete diese Sichtweise in seiner 1912 erschienenen Schrift
„Über das Geistige in der Kunst“. Die von ihm geprägten Begriffe wie „Innerer Klang“ oder „Innere Natur“ lassen sich als Teilaspekte Zen-Buddhistischer Meditation und ihrem Ziel (satori) der Selbstwesensschau, jenem „Öffnen des geistigen Auges“ deuten. Die Schule des Zen setzt auch bei Rea Siegel Ketros unerwartete Einsichten, Kräfte und persönliche Hinterfragungen frei, die ihrer Arbeiten bis in die Gegenwart prägen. Zu den schwarz grundierten Bildträgern der Schwarzarbeiten wählt die Künstlerin als zweite Farbe Weiß. Diese trägt sie von den Bildrändern, von außen nach innen auf, schließt die schwarze Grundierung und lässt aus dem Prozess heraus neue auf das Wesentliche reduzierte Formen entstehen.
Hier erfährt ihr Umgang mit Licht und Dunkel eine neue formalästhetische Ausdrucksweise. Mit der Verwendung der Farbe Schwarz als die dunkelste aller Farbe verweist sie auf die Abwesenheit oder vollständigen Absorption von sichtbarem Licht. In der Farbenlehre nach Newton ist Schwarz keine Farbe, sondern als die Abwesenheit von Licht definiert. Es ist eine achromatische Farbe, buchstäblich eine Farbe ohne Farbton.
Man kann sich fragen, ob die Künstlerin hier Schwarz auch symbolisch und im übertragenen Sinn verwendet, um den gemalten grafischen Symbolen Nachdruck zu verleihen. Diese erscheinen wie Icons oder Kanji Zeichen (japanisch) die eine Information, ja gar eine Aufforderung durch vereinfachte grafische Darstellung und Titel tragen. Der starke Kontrast von schwarz und weiß kann auf einen weiteren Zusammenhang hinweisen: Die Beziehung von Licht und Dunkel, Tag und Nacht und somit die Abfolge von Rhythmen, denen alles Leben auf Erden unterworfen ist. Der Tag und mit ihm das Tageshelle ist der Zeitraum, der unser Leben aktiv bestimmt. In der Nacht, der Dunkelheit hingegen sind wir auf uns selbst zurückgeworfen, leben träumend oder wachend. In unserer Erlebenswelt erfahren wir Licht und Dunkel einander gegenübergestellt, konträr. Jedoch sind die beiden Begrifflichkeiten nicht zu trennen, denn ohne Licht keine Dunkelheit, kein Schatten. Rea Siegel Ketros sagt über ihre Schwarzarbeiten: „Im Schwarzen kann ich mich niederlassen, schauen und horchen. – Ich habe auch das Schwarz zum Leuchten gebracht!“
Mit großer Leidenschaft fertigt Rea Siegel Ketros parallel zu den anderen Werkabschnitten Künstlerbücher. Zu ihren Schwarzarbeiten entwickelt sie eines ihrer ersten Künstlerbücher mit eigenen Texten. Seit 2002 verwirklicht sie Buchobjekte, Faltbücher, Leporellos und Miniaturbücher. Sie erläutert, dass Künstlerbücher bei uns erst im letzten Jahrhundert wiederentdeckt wurden und nur Bücher die von Hand gebunden, limitiert, nummeriert und signiert sind, als Künstlerbücher bezeichnet werden dürfen.
Künstlerbücher zu machen beschreibt Rea Siegel Ketros als eine große Anstrengung; zunächst durch das Erlernen des Handwerks und danach durch die exakte Ausführung, die bei jedem einzelnen Künstlerbuch nötig ist. Doch in den Buchobjekten steckt am Ende viel Freude und Künstlergeist, der sie immer wieder beflügelt und zu weiteren Buchobjekten führt. „Es ist für mich immer eine große Freude ein fertiges Exemplar in den Händen zu halten“ formuliert die Künstlerin. Einige sind über die Jahre entstanden, tragen durch Form und Inhalt ihre Handschrift. Viele schlagen eine Brücke zu ihren malerischen Werken oder unterstreichen die künstlerische Auseinandersetzung«. Es gibt darüber hinaus auch Bücher, die sie mit Papierschnitten gestaltet hat. Zu ihrer künstlerischen Gestaltung verwendet sie Texte von Literaten, die ihr wichtig sind: Rainer Maria Rilke, Tagore, Rumi, Mascha Kaléko oder Rosemarie Steinriede.
Die Beziehung zwischen Malerei und Sprache geht schon auf Horaz zurück, der die Gleichberechtigung, die Verbindung der beiden Ausdrucksformen in der Imagination, dem Evozieren, dem Hervorrufen von Bildern sah. Betrachtet man Kunst, so haben sich viele Künstlerinnen und Künstler mit „Malerei, Sprache und Schrift“ in ihren Werken auseinandergesetzt. Besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts verändert sich das Verhältnis von Kunst und Literatur. Ob Dadaismus, Kubismus, Surrealismus oder Pop Art, Konzeptkunst und Informel: Sprache und Schrift werden konstituierende Komponenten vieler Avantgarde-Strömungen und setzen Maßstäbe für die Zukunft. Parallel zum Entstehen der Künstlerbücher schafft Rea Siegel Ketros die ersten Wort-Klang-Bilder und setzt damit scheinbar einen Bruch zu den »Schwarzarbeiten«. Doch weiterhin sind ihre Werke von persönlichen Erfahrungen, von Licht und Dunkel im formalen und übertragenen Sinn geprägt.
Die Wort–Klang–Bilder versteht die Künstlerin als Komposition, vergleichbar mit einem Musikstück, das einen Text vertont. In ihrer Malerei aus dieser Zeit interpretiert sie die ausgewählten Texte durch Farbklang. Zu Beginn dieser Werkreihe setzte die Künstlerin die Texte Reihe um Reihe mit Stempeln aus Linoleum auf die Leinwand. Später ging sie dazu über, unter Berücksichtigung der entwickelten Typografie, die Texte in Acrylfarbe zu malen. Wie in den zu Beginn beschriebenen abstrakten Werken, gliedert sie den Bildraum in Flächen. Hier Flächen in dunklen, zurücknehmenden Farben oder hellen hervorspringenden Farben. Die Flächen verbinden sich zu Buchstaben, Wörtern und Sätzen.
Dazu sagt Rea Siegel Ketros:
„Die Gleichwertigkeit der Positivform des Buchstabens und der unvermeidlichen Negativform des Zwischenraumes erschwert die Lesbarkeit und erfordert ein „sich Einlassen“ auf die mühsame Unterscheidbarkeit.“ Doch auch ohne das genaue Lesen erschließen sich die Werke durch Komposition, Farbe, Rhythmus und „Klang“, der aus dem Bild fließt: „Irrtum“, „Lachen erlaubt „, „Sei einfach entschlossen“ (Laotse).“
Nach sechzehnjähriger Arbeit erwächst aus den Wort-Klang-Bildern eine sehr reduzierte Malerei. Dazu sagt die Künstlerin: „Ich habe mich befreit, bin klar und einfach geworden, die Formenvielfalt hat ihren Reiz verloren. Es ist erfüllend“.
In ihre Lichtfelder, die ab 2016 entstehen, konzentriert sie sich ausschließlich auf die Fläche und das Licht der Farben. Sie wählt leuchtende Farben, abgestufte Gelb-, Blau- und Rottöne, zuweilen zarte Grüntöne und Violett. Um die Intension und die Kraft des Eindrucks der strahlenden Farben zu steigern, mischt sie den Acrylfarben fluoreszierende, pigmentierte Tageslicht- oder Day-Glo-Farben bei. Sie erforscht welches Licht aus den Farben strahlt und welche Lichtwirkung durch Farbnachbarschaften erreicht werden kann. Auf den Bildträgern setzt sie Flächen in harmonischem Miteinander, grafisch genau in Streifen – Wellen-, Rauten- und Quadratfeldern. Für ihre Malerei verwendet sie bevorzugt große Bildformate. Die Wichtigkeit des künstlerischen Malprozesses, den Zeitraum der Entstehung fixiert sie im Titel jedes einzelnen Werkes, das den Monat, das Jahr, die Bildnummer und zuweilen die Farbbezeichnungen trägt.
Rea Siegel Ketros Œuvre ist eng verbunden mit ihrem Lebensweg. Inspiriert von ihrem Lehrer Stephan von Huene, den Lehren des Zen-Buddhismus und ihrer Lebenserfahrung hat sie Werke geschaffen, die tiefgründig Fragen zum Menschsein beleuchten. Sie zeigen das Wechselspiel zwischen innerer und äußerer Erlebniswelt, zwischen Offensichtlichem und Verborgenem, zwischen Licht und Schatten. Die immer wieder formale Veränderung und Weiterentwicklung in ihrem Œuvre ist wie das menschliche Dasein selbst, das auch einem steten Wandel unterworfen ist. Sie macht, wie sie so schön formuliert: „an mancher Stelle das Licht aus“, rückte jedoch an anderer Stelle, im nächsten Werkzyklus, farbenfroh strahlend die Schönheit der Farben und das von ihnen ausgehenden Licht in den Fokus ihrer Malerei. Der Werkzyklus ihrer Lichtfelder ist erfüllt von leuchtender Farbe die in Farbfeldern, einfach, schlicht und reduziert Zeugnisse von Losgelöstheit, Stille und innerer Ruhe zeigen und dabei ein ganzes Universum menschlichen Seins in sich tragen.
Denn, Farbe ist Licht … ist Leben… ist Poesie.
Lichtfelder
In ihrer Ausstellung „Lichtfelder“ in der Galerie K55 des Künstlerbundes Heilbronn fokussiert die Malerin das Publikum auf die neue Werkreihe der ungegenständlichen Farbfeldbilder. – Keine Menschenbilder, Collagen, Hinter-Licht-Bilder, Stahlobjekte, Schwarzarbeiten, Buchkunst oder Wortklangbilder, wie sie ihr Schaffen über Jahrzehnte prägten, sind ausgestellt. Von den Wänden der Galerie K55 im Künstlerbund Heilbronn blicken die Bilder als beredte Zeugen der künstlerischen Entwicklung von Rea Siegel Ketros auf den Besucher. Die ausgestellte Malerei bezeugt die Worte der Künstlerin, mit denen sie den Wandel in ihrer Kunst beschreibt: „Ich habe mich 16 Jahre mit „Wortklangbildern“ beschäftigt, bei denen ich Texte durch die Farbkomposition neu interpretiert habe. Aber dann hat sich auch dieses Gebiet plötzlich verwandelt: Ich legte den Fokus auf die reine Wirkung der Farbe. Die inhaltliche Intention, die bei meinen Wortklangbildern vorherrschte, verschob sich auf die Konzentration auf das Licht aus der Farbe selbst.“
Die Intensität von Farbe, die durch die formale Reduktion, durch die Beschränkung auf monochrome Farbfelder und die Betonung des Flächigen umso deutlicher wahrgenommen werden kann, verbindet die einzelnen Arbeiten der Werkreihe miteinander. Rea Siegel Ketros trägt die Farbe gelegentlich mit einem dicken Schwamm auf, um ein gleichmäßiges Feld zu gewinnen, dessen Ausdruck ganz und gar auf der Farbe liegt. Zur Farbintensität der Bilder und ihrer Strahlkraft tragen fluoreszierende, pigmentierte Tageslicht- oder Day-Glo-Farben bei, die sie zur Hälfte mit Acrylfarben mischt.
Damit wandelt Rea Siegel Ketros die Farbfeldmalerei des US-amerikanischen Abstrakten Expressionismus ab. Farbfeld-Maler (Colour-Field-Painter) wie Barnett Newman oder Mark Rothko setzten ab 1951 in ihren gegenstandslosen Darstellungen von reinen Farbflächen auf die konkrete Wirkung von Farbe und Form ohne raumillusionistische Wirkung.
Mit der seriellen Anordnung stelenartiger Hochformate und dem Wechsel zwischen starken und schwachen Farbkontrasten steigert Rea Siegel Ketros die Intensität der Farben. Die Wechselwirkung von unmittelbar benachbarten Farben, die sich gegenseitig steigern, kommt in ihren Streifenbildern zur Darstellung und verleiht den Bildern Dynamik. Durch die Zusammensetzung kleinformatiger Bilder, die mit ihren farblich abgeschnittenen Ecken wellenförmige Muster bilden können, erzeugt die Künstlerin den Ausdruck von Bewegtheit. Die Variabilität dieser beliebig zusammensetzbaren und immer wieder neue Muster bildenden Leinwände fasziniert die Künstlerin.
Sie betitelt ihre Bilder mit dem Datum der Fertigstgellung: Monat, Jahr und Bildnummer. Manchmal sind auch Farbangaben dabei, um die Bilder leichter zu identifizieren. „Warmgelb,hellgrau „Dunkelpink,orange“ „Zitrone,karmin“ „Rotschwarz,hellrot“ – Sie selbst sagt dazu: „Ich könnte alle diese Bilder mit „Dieser Augenblick“ benennen, – im Tun des Malens, im „Eintauchen“ in die Farbe, als auch in der Absicht, nichts weiter als diese eine Farbe zu wollen, – immer bin ich nur dieser Augenblick.“
Ihre Farbpalette ist auf wenige Haupttöne beschränkt, aber nuanciert: Gelb, Orange, Rot, Pink, Grün und Blau kehren in ihren Bildern immer wieder. Bereits als Kind, so erzählt sie, habe sie lange Zeit nur mit Karminrot und Zitronengelb gemalt, – also Farbtöne, die auch heute in ihrer Malerei wieder auftauchen. –
Ob Gelborange oder Rotviolett, die Farben ihrer Malerei bleiben mit ihrer vibrierenden Leuchtkraft im Auge des Betrachters lange haften.
Wortklangbilder
Rede von Dr. Martina Kitzing-Bretz (gekürzt) 2007
Wie der Dichter Hölderlin in seinen Werken einen ganz eigenen Ton anschlug und eine Art Seelenmusik schrieb, lesen und betrachten sich die Bilder wie beseelte klangliche Kompositionen, in denen die einzelnen Buchstaben wie Töne gesetzt sind, deren Klang von Farbe, Form und ihrer Platzierung im Gesamtbild bestimmt werden. Die Wortbilder von Rea Siegel Ketros wollen gelesen werden. Sie verharren nicht in ihrer Wirkung als Bilder, sondern laden den Betrachter zum Entschlüsseln, zum Lesen der Worte ein. Doch erst nach längerem Einsehen ist es möglich, einzelne Worte oder sogar ganze Sätze zu entziffern. Rea Siegel Ketros schafft die Wort – Bilder auf der Grundlage der Worte von Hölderlin, der Psalmen, von Ryokan oder Kabir seit einigen Jahren, und sie reiht sie tagebuchartig aneinander. Der Tagebuchcharakter unterstreicht den Sinn ihres künstlerischen Tuns. Auch der Japaner On Kawara oder der südwestdeutsche Künstler Horst Antes fixieren mit seriellen Datumsbildern ihre Existenz und verfolgen damit eine klare, gedankliche Konzeption. Eine erweiterte Wahrnehmung ist es, die es Rea Siegel gestattet, die Tiefendimension eines Wortes niederzuschreiben oder – zu malen und die klanglichen Möglichkeiten der Worte auszuloten. Diese zusätzliche Dimension in der Wahrnehmung verdankt sie ihrem Lehrer Prof. Stephan von Huene, der mit seinen Klangskulpturen bekannt wurde. In den Skulpturen verband der Künstler und Philosoph visuelle und akustische, plastische und mechanische Elemente zu intermedialen Kunstwerken, die auf der Ebene einer vielfältigen Wahrnehmung agieren. Auch die Arbeiten von Rea Siegel Ketros richten sich innerhalb verschiedener Wahrnehmungsfelder an den Betrachter, indem sie visuelle und poetische Elemente miteinander verbinden. Es handelt sich um Poesie zum Ansehen, die einen speziellen Betrachtungsvorgang erfordern.
Schwarzarbeiten
Carmen Bosch-Schairer, M.A. 2002 (gekürzt)
Auch ein Schattenriss entsteht erst durch Licht. Man beleuchtet das Motiv mit einer Lichtquelle und zeichnet dessen Umriss als Schatten auf ein helles Medium. Was darauf sichtbar ist, ist nicht das Abbild des Motivs, nur sein Schatten. Er ist Stellvertreter einer nicht sichtbaren, aber doch existenten Welt, wie in Platons Höhlengleichnis die Schatten an der Wand Ersatz für das farbige Leben außerhalb der Höhle sind. In einem Fall ist Schwarz der Gegenpol von Licht, im anderen Fall eine Projektion, deren Quelle selbst nicht sichtbar ist. Der Betrachter spürt die Energie der Nicht-Farbe Schwarz, die sie aus der Absorption des Farbenspektrums bezieht. Wie magische Zeichen stehen die einfachen, zentrierten, oft symmetrischen Formen da. Ihre Schlichtheit indes ist vordergründig. – Trotz ihrer Statik sind sie von Spannung erfüllt, halten sich in einer vibrierenden Balance. Im undefinierbaren weißen Bildraum scheinen sie zu fliegen, zu schweben oder zu gleiten. Flügel, Segel und Propeller verstärken den Eindruck. Die Bildtitel beschreiben, was aus dem Bild entgegenkommt: Den Aufwind erwarten – Eins loslassen – Schweben lassen – Nicht mehr aufspringen – Zuletzt nehme ich einfach den Schlitten – Endgültig gehen. Bilder vom Fliegen sind Reisebilder; jemand bricht aus seiner gewohnten Umgebung auf um wegzugehen; er ist unterwegs; ob er jemals ankommt, bleibt offen…
Hinter-Licht-Bilder
Carmen Bosch-Schairer, M.A. 2002 (gekürzt)
Seit etwa 1993 entwickelte Rea Siegel Ketros eine Bildgattung, die sie Hinter-Licht-Bilder nennt, halbtransparente Acrylmalerei, die – wie der Name suggeriert – ihre Wirkung nicht nur aus dem Raumlicht, sondern auch aus der Beleuchtung von der Rückseite bezieht, sei es durch das Tageslicht eines Fensters oder durch eigens installiertes Neonlicht. Seit 2000 entstehen die Hinter-Licht-Bilder als Weiß-Arbeiten. Rea Siegel Ketros Malerei handelt immer vom Menschen; das sprechen auch die Titel deutlich aus, ob sie „Kleine Schwestern“ heißen, „Der Ältere“, „Doppeltes Herz“ oder auch „Langsam weitergehen“, „Auf Schatten horchen“. Mit ihren Hinter-Licht-Bildern ist es Rea Siegel Ketros gelungen, eine Form der Malerei zu entwickeln, die um den Aspekt des immateriellen Lichts erweitert ist, ohne die ihr eigenen Ausdrucksmöglichkeiten als Farbmaterie aufzugeben. Die Weiß-Arbeiten gehen darüber hinaus. Ihre ausgesparte Linienzeichnung wird erst im Durchlicht sichtbar, ähnlich wie im Tiefdruckverfahren die Linien erst durch Druckfarbe sichtbar werden. So gelingt es der Künstlerin, den Effekt von mal- und drucktechnischen Prinzipien zu kombinieren, mit Farbe und Licht zu malen. Damit hält sie eine einzigartige Position in der Kunstszene besetzt.
Stuhlobjekte
Carmen Bosch-Schairer, M.A. 2002 (gekürzt)
Die Stuhlobjekte entstanden zwischen 1998 und 2000 als eigenständige Werkgruppe innerhalb des plastischen Schaffens. Es sind Unikate aus Stahlrahmen, mit Leinwand bespannt und mit Acrylfarbe bemalt. Bei einer kleinen Gruppe weißer Stuhlobjekte ersetzt die Lineatur dünner, ornamental gebogener Eisenstäbe die farbige Gestaltung. Die Höhe der Stuhlobjekte variiert zwischen 70 cm und 250 cm. Der Stuhl bietet sich wie kein zweites Möbel an, die menschliche Gestalt zu konnotieren.Weil er nicht identisch ist, gewährt er genügend Distanz zur Reflexion. Diese Qualitäten kommen der Plastikerin entgegen, die sich ihrem großen Thema, dem Menschen, seinem Selbstverständnis und seiner Stellung in der Welt nie direkt, sondern stets vermittelt nähert, über Analogien, Zeichen und Symbolformen. Die Bemalung von Vorder- und Rückseite unterscheidet sich in Form und Farbigkeit, wie die zwei Seiten einer Medaille, – am krassesten bei den Stuhlobjekten „Prinz im Schoß“ und „Sein Bruder“. Ihre Rückseiten sind als Gerippe bzw. als groteskes Mischwesen aus Vogel und Pflanze ausgebildet, ähnlich wie bei mittelalterlichen Memento-Mori-Figuren. Im Arbeitsprozess der Künstlerin wechseln sich intuitiv – meditative Phasen mit distanzierter Reflexion und Interpretation ab. Die wuchernde Fülle wird immer wieder eingegrenzt, überformt. Der Gegensatz von Identifikation und Distanz schärft nicht zuletzt Rea Siegel Ketros Blick für das Komische, das aus den Unzulänglichkeiten des Lebens entsteht und das ihre so originellen wie innovativen Stuhlobjekte mit leiser Ironie kommentieren.